Entschuldigung, wo bitte geht’s denn hier zur Selbstliebe?

„Liebst du dich?„

Neulich haben wir in unserer „Sisterhood Azzate“ über Selbstliebe gesprochen. Die Stimmen reichten von „Ich weiß gar nicht, was das ist“ über „Ich habe mir diese Frage noch nie gestellt“ bis hin zu „Ich will darüber gar nicht nachdenken“ oder „Ich habe keine Ahnung, wie man das praktiziert“.

Aber wann haben wir eigentlich die Verbindung zu uns selbst verloren? Manche empfinden Verlegenheit oder sogar Scham bei dem Gedanken, sich selbst zu lieben. Andere fühlen sich schuldig, wenn sie etwas für sich tun. Es ist, als ob sie ihre Familie betrögen, in dem sie ihren eigenen Bedürfnissen Raum widmeten, und ihren Lieben dieser Energie und Zeit beraubten.

Ich empfinde diesen Moment als historische Kehrtwende, an der wir mehr denn je dazu aufgerufen sind, den Übergang zu vollziehen: Aus der Liebe heraus zu leben, statt uns von Angst leiten zu lassen. Ich habe keine wissenschaftlichen Quellen, außer meiner persönlichen und beruflichen Erfahrung, aber um aus dem Herzen zu leben, muss ich mich zunächst tief mit mir selbst verbinden und die Quelle der Liebe in mir finden. Erst dann kann ich sie praktizieren und an andere weitergeben. So wird es kein Akt des Willens oder Müssens, sondern eine natürliche Konsequenz, die es uns erlaubt, im „Flow“ zu leben.

Nur, wie schaffe ich das? Wo finde ich diese Selbstliebe?

Vor einigen Wochen konnte ich nicht schlafen und spürte eine tiefe Traurigkeit; ich fühlte mich einsam und wurde überflutet von schmerzhaften Erinnerungen. 

Auch mit all den Werkzeugen, die mir zur Verfügung stehen, bedeutet das nicht, dass ich nicht manchmal in ein Loch unangenehmer Gefühle falle. Ich gebe zu, es passiert nicht oft, aber es kommt immer wieder vor, denn das Leben ist nicht geradlinig – es gleicht eher einer Berg- und Talfahrt. 

Gefühle sind wie Tag und Nacht: Sie folgen zwar nicht diesem regelmäßigen Rhythmus, aber das eine kann ohne das andere nicht existieren, so wie kein Schatten ohne Licht entsteht. 
Voraussetzung dafür, jede Facette eines Moments überwältigender Freude zu fühlen, ist, eben auch schmerzhafte Momente anzunehmen, wenn Angst oder Traurigkeit zu Besuch kommen. Die Gewissheit, dass alle Emotionen wertvolle Botschafter sind, hilft es, diesen mit Wohlwollen die Türe zu öffnen!

Dank meiner Erfahrung und einem Schmuckkästchen voller wertvoller Methoden habe ich keine Angst vor diesen Momenten. Ich versuche, sie willkommenzuheißen und zu durchleben, indem ich mir aufmerksam zuhöre und mich frage, was gerade geschieht. Manchmal ist es mein Verstand, der mich auf einen alten Pfad zurückkatapultiert. Zum Beispiel, wenn meine Erwartungshaltung enttäuscht wurde, was mich wieder daran erinnert: Ich habe kein legitimes Recht zu erwarten, dass andere sich auf eine bestimmte Weise verhalten. Ich kann Bitten äußern, aber niemand schuldet mir etwas. Und für mein Glück bin allein ich verantwortlich. 

Keine Sorge, ich schweife nicht ab! Selbstliebe macht gerade in einem Augenblick des „Tiefs“ den klaren Unterschied: Statt mich fertigzumachen oder mich sofort dazu zu zwingen, wieder fröhlich zu sein und aufzuhören zu weinen, kann ich mich liebevoll um mich kümmern – so wie eine Mutter ihr Kind tröstet. Ich kann mir selbst zuhören oder mir Hilfe suchen, wenn ich spüre, dass ich allein keine Lösung finde.

Das innere Kind und die Prägung

Das bringt mich zu dem, was eine der Frauen an unserem Abend im Kreise der “Sisterhood” vorgeschlagen hat: Indem sie Fotos von sich als kleines Mädchen betrachtete, konnte sie eine starke Liebe für dieses Kind empfinden, das nicht immer die Zuneigung und Aufmerksamkeit erhalten hatte, die es gebraucht hätte.

Jede*r von uns trägt dieses innere Kind in sich. Du glaubst das nicht? Wie erklärst du dir sonst gestandene CEOs, die wegen eines Fehlers des Mitarbeiters völlig aus der Bahn geraten und wütend rumbrüllen? Oder die Tränen der tiefen Enttäuschung einer Mutter angesichts eines respektlosen Wutanfalls ihres Kindes, trotz ihres Bewusstseins, dass dieser nichts mit ihr zu tun hat? 

Wir sind nicht immer groß und weise: Es gibt Momente, die einen Knopf drücken (die Amygdala, für alle, die sich für die Wissenschaft interessieren und mehr dazu nachlesen wollen) und plötzlich eine Reaktion auslösen, die identisch ist mit der eines Kindergartenkindes. Beobachte ein streitendes Paar und sag mir, dass du nicht zwei kleine Kinder erkennst, die sich zanken!

Hier kommen wir zur Wurzel: Unser Unterbewusstsein wird überwiegend in den ersten sechs Lebensjahren „programmiert“. Durch die Beobachtung der Welt um uns herum, den Ratschlägen unserer Eltern, unsere Schulbildung, die Kultur, in der wir aufwuchsen, und unsere individuellen Erfahrungen – wurde unser Filter, durch den wir die Welt als Erwachsene sehen, programmiert. 

Wir eigneten uns so Verhaltensweisen an und speicherten Glaubenssätze ab, die uns damals hilfreich erschienen, um Ärger zu vermeiden oder Aufmerksamkeit zu erzielen. Im Laufe der Zeit, können diese sich als „Programmierfehler“ herausstellen. 

Woran bemerken wir das? Immer dann, wenn sich unangenehme Situationen wiederholen, bedeutet das, dass wir ein „Muster“ geschaffen haben, das unsere Gelassenheit behindert.

Wenn wir als Kinder Aufmerksamkeit und Liebe nur bekamen, wenn wir „brav“ waren, gute Noten nach Hause brachten oder möglichst still blieben, dann erschafft diese Erinnerung den Weg, den wir auch als Erwachsene weitergehen.

Die Idee ist, dass wir bedingungslose Liebe verdienen – zumindest von unseren Eltern oder wenigstens von uns selbst. Das bedeutet, wir sind liebenswert für das, was wir sind, nicht für das, was wir tun! Dieser Glaube basiert auf dem Konzept: DU BIST GENUG! Du bist perfekt in deiner Einzigartigkeit, so wie du bist, nicht aufgrunddeiner Leistung.

In unserer Gesellschaft sind Menschen, die diesen Glauben wirklich verkörpert haben, so selten wie Perlen. Stattdessen sehen wir viele, die auf jede erdenkliche Weise versuchen zu beweisen, dass sie Liebe verdienen – durch Leistung im Beruf, in der Familie oder im Sport. Soziale Medien haben dieses Phänomen auf ein unmenschliches Niveau katapultiert und treiben uns an, durch manchmal absurde Darbietungen nach „Likes“ von einer Welt voller Fremder zu jagen.

Wie kehren wir zur Selbstliebe zurück?

Dort liegt der Schlüssel zum Glück: Statt draußen nach Liebe zu suchen, könnte ich mich nach innen verbinden und beginnen, mich selbst zu lieben. Ist das Egoismus? Wahnsinn? Nein, es ist Selbstfürsorge, die mir erlaubt, mit meiner Seele und meinem Herzen in Einklang zu kommen und zu der einzigartigen und wunderbaren Person zurückzukehren, die ich bei meiner Geburt bestimmt war zu sein. Eine Person im Frieden mit sich selbst, ausgeglichen und ganz, die ein Geschenk für die Welt um sie herum sein wird. Sie gibt aus einem vollen Herzen – aus einem vollen Gefäß – ohne Bedürftigkeit, ohne Anhaften oder Hintergedanken.

Also, wie um alles in der Welt macht man das?

Höre dir selbst zu: Gib dir den Raum, gehört zu werden. Alles, was du bei deinem Partner, deinem Kind oder in der Welt da draußen vermisst – gibst du es dir selbst? Nimmst du dir Zeit, deine Bedürfnisse zu verstehen? Widmest du dem Raum, was dein Herz schneller schlagen lässt?

Babysteps ist das Schlüsselwort. Du brauchst keine Weltreise, um dich selbst zu finden. Beginne damit, täglich 30 Minuten für Selbstfürsorge zu integrieren. Gönn dir ein Wochenende nur für dich – vielleicht mit Freundinnen, vielleicht ganz allein –, um dieses kleine Mädchen in dir wirklich zu verwöhnen und die Stille zu finden, die nötig ist, um ihre Stimme zu hören.

Selbstgespräch: Wenn du „keine 30 Minuten hast“ (und ich fordere hier jede und jeden auf, ehrlich zu sein – man kann zur Not um 5:00 Uhr aufstehen, um eine Stunde für sich zu haben, wie eine Teilnehmerin der Sisterhood bemerkte), dann achte zumindest darauf, wie du mit dir selbst sprichst. Ist dein innerer Dialog ein Akt der Liebe oder des Urteils? Bist du freundlich oder schimpfst du mit dir wie eine strenge Lehrerin?

Und das wichtigste: Feierst du dich?

Wie, feiern? Anfänger-Level wäre, deinen Geburtstag gebührend zu feiern (oder glaubst du wirklich, das sei ein Tag wie jeder andere?). Dann könntest du deine Erfolge feiern – vom gelungenen Kuchen, über die gelungene Präsentation im Job bis hin zu einem Tag ohne Zanken mit deinen Kindern.

Als dein Baby sein erstes Wort gesprochen hat, hast du das gefeiert? Ja, aber hallo! Feier dich also, wenn du anstatt dich zu rügen, dir ein Lob aussprichst!

Als deinem Kind die ersten Gehversuche gelungen sind, hast du das gefeiert? Feier dich also, wenn du einen ersten Schritt zu dir machst, ein Nein zu den anderen und ein Ja zu dir selbst aussprichst!

Wenn du das gemalte Bild eines Kindergartenkinds ansiehst, kannst du das feiern obwohl man wirklich nichts darauf erkennen kann? 
Freu dich über deine Kunstwerke – diese kleinen, unscheinbaren Momente, in denen du dir erlaubt hast zu sein: beim Malen, beim Schreiben, beim Tanzen oder beim Meditieren!

Fortgeschrittene schaffen es, sich selbst für ihre Essenz zu feiern. Sie feiern das Leben! Warum? Weil sie es können!

Als Abschlussexamen, versuche, dich selbst zu umarmen und mit Überzeugung zu sagen: „Ich liebe dich!“

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